Touren & Berichte

Am Rande der Verzweiflung

Es war an einem Samstagmittag im Februar 2010, als ich langsam an eine Ampel rollte. 10 Meter vor der Haltelinie in die Bremse gegriffen und........nichts!

Dann langsam nach Hause geöttelt, es war eh kein Mensch unterwegs bei Eis und Schnee und 12 Grad minus. Also schnell geguckt was los ist.
Äußerlich war nix zu erkennen, alles wie immer. Wie immer, das war alle 4 Wochen die Bremsen entlüften, weil man den Hebel bis an den Griff ziehen konnte. Der Vorbesitzer hatte das Gespann mit den 4-Kolbenbremsen einer 1100er GS ausgestattet und ein kleiner Zweikolbensattel am Seitenwagen hing auch noch an der 15er Pumpe.

"Ha, warscheinlich nur die Aludichtringe angefressen!", dachte ich, denn das Salz kommt überall hin und zerfrisst was zerfressen werden kann. Also Bremsleitungen abgehängt und siehe da, meine Vermutung stimmte. Also alle Dichtringe ersetzt und alles wieder zusammengebaut. Dann das System neu befüllt und die Luft rausgepumpt. Einen dreiviertel Liter DOT4 später, war immernoch kein Druck am Hebel zu verspüren.

Drei Tage und 3 Liter später immernoch kein Druck, wenigstens nicht in der Bremse.
Also wieder alles zerlegt und kontrolliert ob die Bremskolben in den Zangen gängig sind. Waren sie.
Alles peinlich sauber gemacht, neue Hohlschrauben eingesetzt, am Seitenwagen den Stahlbus-Entlüfter kontrolliert - ah der sitzt etwas locker - und ab! So eine verfluchte Schei..!!!

Also Seitenwagenleitung an der Pumpe und an der SW-Schwinge abmontiert und meiner Frau (arbeitet in KFZ-Werkstatt) mitgegeben zum Rausbohren. "Rausbohren is nich, sagt der Kollege", sagt meine Frau am Telefon. "Jaja, die heutigen KFZ-Mechaniker sind doch alles Pfeifen", denke ich und ärgere mich dann nochmals als ich Abends den nun völlig vermurksten Sattel wieder in die Hände bekomme "so ein A....loch", denke ich, aber am Ende trifft es mich doch selbst. Hätte ich sicher genauso hinbekommen. Nicht besser und nicht schlechter, denn die Stahlbusse sind vergütet und damit ziemlich hart.

Meine Gutste holte mich dann langsam wieder runter und nach einem Glas Rotwein gings wieder einigermassen.

Anderntags einen neuen Plan ausgedacht: es kann fast nur die Bremspumpe sein. "Das probieren wir aus, um sicher zu sein, dass es so ist."
Ebay sei Dank lag einige Tage später eine 16er Bremspumpe aus einer 12er GS auf der Werkbank. "...mit nur 14.000km" und "bis zum Ausbau einwandfrei funktioniert" Da sind doch 79,- Euro ein richtiges Schnäppchen!

Am nächsten Abend raus in den Carport und bei minus 10°C das Bremsgedöns wechseln wollen. "Schei...e der Hebel passt ja gar nicht zu den Schaltern" Voller Erwartung kurz vor einer evolutionär-revolutionär-ultimativen Bremsenlöung zu stehen, hab ich die Säge angesetzt und den Ausgleichsbehälter nebst Hebelhalter und 15er Kolben an der Griffarmatur abgesägt. Na das passt doch!

Und so passt dann auch die GS-Pumpe. Dunkelheit bricht ein und die Schrauberei nimmt für diesen Tag ein Ende. Rotwein , auf dass wir das morgen oder übermorgen hinbekommen und wieder fahren können.

Hoffnungsvoll das System befüllt, diesesmal ganz ohne Seitenwagenbremse. Gepumpt und gepumpt und gepumt, Andi immer nachgefüllt und gepuumpt und gepuuumpt und gefüüüllt und wieder gepumt. "Das bekommen wir bei diesen Temperaturen nie hin, dass die Lufbläschen aus der Leitung steigen". Wir brechen ab. Bei -10° ist die Bremssuppe zäh wie Honig.

Tage später, am Wochenende steigt das Thermometer auf 0°. "Endlich warm!" Und wieder gepumpt und gefüllt und gepumpt und gefüllt. Und es war schon besser. Der Hebel ließ sich mittlerweile nicht mehr völlig, sondern nur fast völlig druckfrei an den Lenker ziehen. Hoffnung keimte auf, wir haben es geschafft. yeah!
In Wirklichkeit war das reiner Selbstbetrug, nein es war Selbstschutz. Noch nie zuvor in meiner Schrauberkarriere war ich so verzweifelt, ratlos und deprimiert. Schon 8 Wochen ohne Gespann und immernoch keine Lösung in Sicht.

Mittlerweile hatte ich den Bremssattel des Seitenwagens einigermassen geflickt. Den abgrochenen Stahlbusnippel hatten nun meine Kollegen aus dem Werkzeugbau mittels Hartmetallfräser ausgebohrt. Die Bohrung und das Gewinde waren hinüber und so musste Kaltmetall zum Füllen ran. O.K. dicht (wirklich grins )

Bis dahin hatte ich ungefähr 50.- Euro für Aludichtringe und Hohlschrauben ausgegeben und 100,- Euro für Bremsflüssigkeit. Die kaufte ich mittlerweile nicht mehr in den kleinen 250ccm-Kanisterchen, sondern im 1L-Gebinde.
Mit jeder neuen Füllung des Ausgleichsbehälters stieg meine Hoffnung mit dem Pegel der DOT4-Brühe und sackte sogleich wieder ab, wie ich sie unten am Sattel herauszog. Blasen über Blasen. Größere Blasen, schnellsteigend, Kleine Blasen langsam aufsteigend, gar wie Luftballons beim Kindergartenfest, bis hin zu schaumiger Konsistenz, wie ein frischgeschlagener Eischnee.

JETZT HAB`ICH DIE SCHNAUZE ABER GESTRICHEN VOLL VON DIESER SCHEISSE!!!

Wieder und wieder musste ich mich trösten lassen und der Rotwein - Gebrauch stieg ebenfalls äquivalent zum Bremsflüssigkeitsverbrauch.

"Das können jetzt nur noch die Bremskolben sein". "Die gibt´s aber nicht für den freien Verkauf", sagte der Ersatzteilmann beim große Freude
"Sicherheitsrelevante Teile müssen in der Werkstattverbaut werden!"
Dank der guten Beziehungen konnte ich ihn dennoch überzeugen gegen 130 Euro zwei Reparatursätze rüberwachsen zu lassen.
Am Wochenende drauf half mir Luggis & Detlevs Bremssattelzerlegungsfotoroman aus der Datenbank (www.2-ventiler.de), beim Zerlegen der Vierkolbenbrembos. 7 Bremskolben konnten dank 10bar Druckluft aus ihren Sattelhälften geschossen werden. Der achte und letzte saß jedoch fest wie Evil Kneevel im Sattel seiner Honda. 4 Stunden später hat er dann doch verloren und war endlich raus. Ein Wahnsinn wie es das Streusalz immer wieder schafft an die unmöglichsten Stellen zu kommen: An den Kolben und an 2 dicken und engen Gummis vorbei!!!
Das war es also, was mich nun seit mittlerweile geschlagenen 4 Monaten von meinen höchsten Genüssen abhielt.

Alles schön in Seifenwasser eingelegt, mit dem Zahnbürstchen geputzt, ausgeblasen, trocknen lassen, mit nichtfusselden Papiertüchern ausgerieben, mit Bremsenreiniger entfettet, nochmal ausgeblasen und dann die Zylinderbohrungen großzügig mit der beigepackten Brembo-Schmotze (in deutsch: Schmiere) einbalsamiert. Gummis eingesetzt und die noch balsamiert, Kolben auch balsamiert und vorsichtig ohne verkanten, flutsch wieder eingesetzt. Klasse!
Um den Seitenwagenbremssattel wieder flott zu bekommen, hatte ich mir einen weiteren gebrauchten aus der Bucht gezogen. Reparatursätze gibt es nicht mehr und neue gibts auch nicht. Also aus zwei mach eins.

"Ah der Herr Klein...", freute sich die Kassiererin bei Louis als Sie mir zum x-ten Male 10 Euro für einen Liter Bremsflüssigkeit abnahm. "...danke und schönen Tag noch!"
"Jaja", denke ich in mich hinein, " du blöde Zicke, wirst mich hier so schnell nicht wiedersehen. Das war das allerletzte Mal auf die nächsten Jahre."

Schnell nach Hause, das System neu befüllt (wieder ohne Seitenwagenbremse) und schnell gepumpt und Unterduck gezogen, Luftblasen raus. "Hach wie fix das mittlerweile geht" vor allem wenn man endlich am Ziel ist und sich freut. Und auch der Nachbar freut sich, dass er bald wieder einen netten Hänsi im Hof stehen hat und die Frau freut sich dass sie selber auch mal wieder gestreichelt wird und nicht mehr nur die Rotwein-Gläser wegräumen muss. Und weil sich alle so schön freuen, muss es heute einfach funktionieren!
Als die transparenten Leitungen endlich die vollkommene Blasenfreiheit zeigen und alle Entlüfternippel sorgsam zugedreht sind, kommt der prüfende Griff an die Bremspumpe: 2-3x schnell gezogen und der Hebel bleibt nach halbem Weg 1cm vor den Griff stehen. Druckpunkt! Hurra!!! Der Stein der mir vom Herzen fiel war gigantisch.

Der Knall des Steins war noch nicht vollständig verklungen als ich nochmal zur Kontrolle den Hebel gaaaanz laaaangsaaaam nach Rudolph Scharping-Art gezogen habe.
Es tat sich nix! Mit voll angezogener Bremse konnte ich das Gespann lustig hin- und her schieben. Das Wochende war gelaufen.
Habe meinen Frust dann hinter dem Rechner ausgelassen und mich durch das www gegoogelt. U.a. kam ich auf die Seiten der Firma Bremsspur aus Freiburg. Alles genau angeguckt, dann ab zum Telefon, den Experten fragen.

"Ha, des isch doch ganz oifach. Des isch die Bremspump´. Do hot dr Kolbe´ en Riefe!" "Aha, soso?"
"Wenn du schnell pompsch gibt´s Druck und wenn du langsam pompsch, pfust die Bremsflüssichkeit langsam an dem Riefe durch. Des gibts ganz oft!"
Das Gespräch mit Meister Saffrich war sehr aufschlussreich und ich merkte gleich, dass da ein Fachmann spricht. Nach rund einer dreiviertel Stunde Telefonberatung habe ich dann eine Magura Radialbremspumpe bei Ihm bestellt. Drei Tage später war sie da, zwei Stunden später war sie angebaut. Schnell nomma zu Louis "ah der Herr Klein", wieder nach Hause und das System befüllt. Über die Nacht den Hebel festgezurrt und gestern Morgen nochmal nachentlüftet.

Danach hab ich´s zum ersten Mal geschafft, das Vorderrad meines Gespanns auf Asphalt zum Blockieren zu bringen! Wahnsinn! Hurra!

Was lernen wir daraus?
Öfter mal jemanden Fragen der sich auskennt...

Hänsi

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